Fingerpuppen in der Logopädie: 10 Übungen für Artikulation, Mundmotorik und Erzählen

Fingerpuppen sind in der Logopädie ein unauffälliges, aber sehr wirksames Werkzeug: Das Kind spricht nicht „für die Therapeutin“, sondern für den Löwen. Der Zielaut wird zum Tierlaut, die Wiederholung zum Spiel, und der Blick des Kindes geht auf die Puppe statt auf den eigenen Mund. Hier sind zehn Übungen, wie wir sie mit Praxen und Eltern entwickelt haben – jede mit Aufbau, einem Satz, den du dem Kind sagst, und einer Variante für zu Hause.

Alle Übungen funktionieren mit einer Puppe auf dem Finger der Therapeutin und einer auf dem Finger des Kindes. Unsere Puppen sind 8 × 4 cm, zweilagig aus Filz, ohne Kleinteile und per Hand waschbar – für die Praxis zählt das.

Artikulation: einzelne Laute

1. Der Löwe brüllt – Ziellaut /r/

Puppen: Löwe und Tiger aus dem Safari-Set.
Aufbau: Der Löwe ist heiser und brüllt zuerst nur leise „rrr“. Jedes Mal, wenn das Kind das /r/ hält, wird der Löwe lauter und richtet sich weiter auf. Bei Kindern, die das Zungen-r noch nicht bilden, mit dem Gurgel-r beginnen und den Tiger als „Nachbarn“ das Ziel-r vormachen lassen.
Satz für das Kind: „Der Löwe hat Halsweh. Hilf ihm, wieder richtig laut zu brüllen: rrr!“
Zu Hause: Der Löwe darf abends drei Wörter mit /r/ „vorbrüllen“: Rad, Regen, Rose.

2. Der Elefant hebt den Rüssel – Ziellaut /l/

Puppe: Elefant aus dem Safari-Set.
Aufbau: Der Rüssel hebt sich, die Zunge hebt sich. Das Kind hebt die Zungenspitze hinter die oberen Schneidezähne und hält „lll“, solange der Elefant den Rüssel oben hat. Dann Silben: la, le, li, lo, lu.
Satz für das Kind: „Wenn der Elefant den Rüssel hebt, hebst du die Zunge. Lll – so lange, bis er ihn wieder senkt.“
Zu Hause: Der Elefant „trinkt“ jeden Abend fünf l-Wörter: Lampe, Löffel, Ball, Lila, Limo.

3. Die zischende Schlange – Ziellaut /s/

Puppe: Wir haben keine Schlange im Sortiment – das Krokodil aus dem Safari-Set zischt genauso gut, mit langem, flachem Kopf.
Aufbau: Die Puppe kriecht langsam über den Tisch und zischt dabei „sss“: Zähne aufeinander, Zunge hinter den Zähnen, Lächeln. Bei Sigmatismus interdentalis dient der Puppenkopf als Erinnerung: Die Zunge bleibt „im Haus“.
Satz für das Kind: „Die Schlange zischt nur, wenn die Zunge hinter den Zähnen bleibt. Zeig ihr, wie das geht: sss.“
Zu Hause: Die Schlange sucht in der Wohnung drei Dinge mit /s/: Sofa, Socke, Suppe.

4. Die Biene summt – Ziellaut /z/ und Stimmhaftigkeit

Puppe: Biene aus dem Gartentier-Set.
Aufbau: Die Biene fliegt von Blume zu Blume (Handflächen des Kindes) und summt „sss“ mit Stimme, also stimmhaft. Hand an den Hals: Das Kind fühlt, ob der Hals „brummt“. Kontrast zur Schlange (stimmlos).
Satz für das Kind: „Die Biene brummt im Hals, die Schlange nicht. Fühl mal: summt deine Biene?“
Zu Hause: Summ-Wettbewerb: Wer hält das Summen länger, Kind oder Biene?

5. Die Katze faucht – Ziellaut /sch/

Puppe: Katze aus dem Stadttier-Set.
Aufbau: Der Hund kommt zu nah, die Katze faucht „schhh“: Lippen rund und vorgestülpt, Zunge breit und zurück. Der Kontrast s/sch wird später als Schlange-Katze-Duell geübt: Wer zischt, wer faucht?
Satz für das Kind: „Mach den Mund zum kleinen Tunnel und lass die Katze fauchen: schhh.“
Zu Hause: Die Katze faucht bei jedem Wort mit /sch/, das im Bilderbuch vorkommt.

6. Kuckuck! – Ziellaut /k/

Puppe: Kuh aus dem Bauernhof-Set oder jede andere Puppe.
Aufbau: Die Puppe versteckt sich hinter der Hand und taucht mit „Kuckuck!“ auf. Der Hinterzungenlaut /k/ wird über das Spiel dutzendfach wiederholt, ohne dass es wie Üben wirkt. Bei Vorverlagerung (k → t) den Kopf leicht in den Nacken legen lassen.
Satz für das Kind: „Die Kuh spielt Verstecken. Wenn sie rauskommt, ruft sie: Kuckuck!“
Zu Hause: Kuckuck-Spiel hinter Türen und Kissen, abwechselnd Kind und Puppe.

Mundmotorik

7. Der Fisch schnappt – Lippenkraft und -rundung

Puppe: Fisch aus dem Meerestier-Set.
Aufbau: Der Fisch öffnet und schließt den Mund, das Kind macht es nach: Lippen spitzen, Fischmund, Lippen fest schließen, Lippen breit ziehen, Kussmund. Jede Bewegung fünf Mal, im Tempo des Fisches.
Satz für das Kind: „Der Fisch hat keine Hände. Er kann nur mit dem Mund sprechen. Mach seinen Fischmund nach.“
Zu Hause: Vor dem Spiegel „Fischgesichter“ machen, jeden Tag eine Minute beim Zähneputzen.

Sprechtempo und Redefluss

8. Schildkröte und Hase – Sprechtempo steuern

Puppen: Schildkröte aus dem Meerestier-Set, Hase aus dem Waldtier-Set.
Aufbau: Beide Tiere sagen denselben Satz. Die Schildkröte spricht langsam und gedehnt, der Hase schnell. Kinder, die polternd oder stotternd sprechen, „leihen“ sich die Schildkröte – ihr Tempo ist die Vorgabe, nicht eine Korrektur der Therapeutin.
Satz für das Kind: „Die Schildkröte gewinnt heute. Sag es so langsam wie sie: Ich … gehe … in … den … Wald.“
Zu Hause: Beim Abendessen ein Schildkröten-Satz pro Person, ohne Bewertung.

Hören, Nachsprechen, Erzählen

9. Der Papagei spricht nach – Imitation und Minimalpaare

Puppe: Papagei aus dem Piraten-Set.
Aufbau: Der Papagei wiederholt alles, was das Kind sagt – aber manchmal falsch. Das Kind muss hören, ob er richtig nachgesprochen hat: „Tasse – Kasse“, „Wein – Bein“, „Sonne – Tonne“. Die Rollen werden getauscht: Jetzt ist das Kind der Papagei.
Satz für das Kind: „Der Papagei ist ein bisschen schusselig. Hör genau hin: Hat er es richtig gesagt oder falsch?“
Zu Hause: Drei Minimalpaare pro Abend, das Kind darf den Papagei „korrigieren“.

10. Märchen nacherzählen – Sequenzierung und Satzbau

Puppen: Märchen-Set mit König, Prinzessin, Ritter, Drache, Hexe.
Aufbau: Du erzählst eine kurze Geschichte mit drei Figuren und drei Stationen. Dann bekommt das Kind die Puppen und erzählt sie zurück. Reihenfolge, Konnektoren (zuerst, dann, zum Schluss) und vollständige Sätze sind das Ziel. Für Ältere: Die Geschichte bekommt einen anderen Schluss.
Satz für das Kind: „Jetzt bist du der Erzähler. Was war zuerst, was kam dann, wie ging es aus?“
Zu Hause: Das Kind erzählt einem Elternteil abends mit den Puppen, was in der Kita passiert ist – drei Stationen.

Hinweis für Eltern

Die Übungen ersetzen keine Diagnostik. Wenn dein Kind mit vier Jahren noch mehrere Laute nicht bildet, schwer verständlich spricht oder stockt, ist eine logopädische Abklärung sinnvoll – der Kinderarzt stellt die Verordnung aus. Zu Hause gilt: fünf Minuten am Tag, immer spielerisch, nie korrigierend. Die Puppe darf Fehler machen, das Kind auch. Wenn dein Kind bereits in Therapie ist, frage die Therapeutin, welche Laute gerade dran sind, und nimm genau diese Puppe mit nach Hause.

Alle hier genannten Sets haben wir in der Sammlung Logopädie & Therapie zusammengestellt. Ein eigenes Therapie-Set mit Lautkarten zu den einzelnen Tieren ist in Entwicklung; einen Termin nennen wir erst, wenn es fertig ist. Praxen, die mehrere Sets brauchen, schreiben uns am besten direkt über die Kontaktseite.

Häufige Fragen

Ab welchem Alter eignen sich Fingerpuppen für Sprachübungen?

Ab drei Jahren, weil die Puppen Kleinteile im Sinne der Spielzeugnorm sind. Die Übungen 1 bis 7 funktionieren ab drei, die Erzähl- und Minimalpaar-Übungen ab etwa vier bis fünf Jahren.

Wie reinige ich die Puppen zwischen zwei Kindern?

Per Hand in lauwarmem Wasser mit etwas Seife waschen, ausdrücken, liegend trocknen. Der Filz verträgt das problemlos. Viele Praxen halten zwei Sets vor und tauschen täglich.

Welches Set deckt die meisten Laute ab?

Das Safari-Set: Löwe und Tiger (/r/), Elefant (/l/), Krokodil (/s/), Giraffe (/g/), Zebra (/z/) und Nilpferd (/n/, /f/) – sechs Ziellaute in einem Beutel.

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